Meinen allerersten Text für eine Marketing-Agentur habe ich als Volontärin geschrieben. Es handelte sich um eine Aufgabe, die ich zunächst für undankbar und meiner unwürdig gehalten hatte. Bis zum nächsten Morgen sollte ich die verstaubt wirkenden Briefe einer Hamburger Versicherung, in denen sie Kunden über den Ablauf ihrer Lebensversicherung informierte, freundlicher machen. Unter Werbetexten hatte ich mir etwas anderes vorgestellt. Ich war 22 und neu in Hamburg.

Das streng komponierte Loft der Agentur lag am Rödingsmarkt und von meinem geräumigen Interlübke-Schreibtisch aus sah ich die Hochbahn Richtung Hafen vorbeischweben. Die afghanischen Windhunde der Chefin lümmelten auf dem feucht glänzenden Granit, als sei ihnen die Erinnerung an das Hochland des Hindukusch abhanden gekommen. Unbeteiligt sahen sie zu mir auf, als ich den Arm der Tizio herumschwenkte und den Leuchtkopf auf meine Notizen richtete. Da stand nichts. Der Monitor des Macintosh SE flackerte bläulich. Nicht zum ersten Mal überflog ich den an einen sehr geehrten Bezugsberechtigten adressierten Brief, in dem von „Leistungszusage im Erlebensfall“ und von „Ablaufleistung“ die Rede war, von „Überschussbeteiligung“ und „Auszahlungswunsch“. Ich fühlte mich nicht angesprochen. Wie sollte ich bloß über etwas so Einschläferndes schreiben? Worum es ging, hatte ich verstanden, doch wo kam ich ins Spiel?

Ich stand auf und beugte mich zu einem der Windhunde runter.  Sie hieß Yohji, benannt nach einem japanischen Bekleidungsunternehmer, für dessen dekonstruktivistisch dunkle und dramatische Sachen die Chefin damals eine Vorliebe hatte. Langes, seidiges Haar fiel Yohji in die Augen und ihr Blick wurde weich, als ich ihre Mähne beseite schob und sie hinterm Ohr kraulte. Yohji hatte eine Schwäche für mich. Afghanen sind sensibel.

Ich leinte sie an und wir drehten eine Runde. Schwerelos federte sie neben mir übers Kopfsteinpflaster der Deichstraße, das Haarkleid weich und fließend wie Materialien und Schnitte ihres Namenspaten. In Yohjis Haltung lag für mich der Inbegriff von Ruhe und Eleganz, von Symmetrie und Schönheit. Genauso wollte ich schreiben. Yohjis Vorfahren hatten in der Steppe Schakale gejagt, Gazellen, Falken und anderes Wild. Yohji wusste das.
Sie blieb stehen, sah mich aufmerksam an, den Glanz von Wahrheit in den Augen, und sagte plötzlich ohne ihre übliche Unbedarftheit: „Schnurr die Aufgabe zusammen und konzentrier dich auf den einen Moment, für den du Leidenschaft empfindest. Und dann schreib darüber!“

Ich hatte nie an das Märchen von den eingeschränkten intellektuellen Fähigkeiten afghanischer Windhunde geglaubt. Kurze Zeit später liefen meine Finger über die Tasten wie von einem Marionettenspieler an unsichtbaren Fäden geführt. Die Jagd nach Wörtern hatte begonnen.

 

15. April 2018

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